Mittwoch, 16. August 2017

Buchtipp: Was nun, Kirche?

Parzany, Ulrich, Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, SCM Hänssler, Holzgerlingen, 2017, Verlagslink, Amazon-Link


Vielen Dank an den Hänssler-Verlag für das Rezensionsexemplar.

"Die Krise der Kirchen ist im Kern eine Krise der Verkündigung. Und die Krise der Verkündigung ist dadurch entstanden, dass das Vertrauen in die Autorität der Bibel verschwunden ist. Darüber zu sprechen, scheint in den Kirchen ein Tabu zu sein." (S. 41)

Der Evangelist und evangelische Pfarrer Ulrich Parzany stellt fest, dass zwischen dem Personal der Kirchen und den Gottesdienstbesuchern eine immer größer werdende Kluft besteht. Die Entfremdung nimmt zu, die Gottesdienste werden leerer und weniger besucht. In seinem neuen Buch macht er sich auf die Suche nach den Hintergründen dieser Entfremdung und deckt auf, wie wenig tatsächlich über die eigentlichen Inhalte der Theologie gesprochen wird.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Frage: Wer und was ist die christliche Kirche? Was sind deren Kennzeichen? Was ist ihre (und Gottes) Mission? Parzany kommt zum Schluss, dass weltweit die Feindschaft gegenüber der christlichen Kirche gewachsen ist, und sie gerade dort erweckliche Aufbrüche erlebt, wo der Glaube an Jesus Christus verfolgt wird.

Im zweiten Kapitel geht es um die Frage, woran die evangelischen Kirchen kranken. Anders gesagt: Wo liegt das Problem, warum sie eher schrumpfen, anstatt – wie es ganz natürlich wäre – zu wachsen. Das Zitat, welches ich an den Beginn der Rezension gestellt habe, bringt dieses Problem sehr schön auf den Punkt: Es ist eine Krise der Verkündigung, die durch eine Glaubenskrise entstanden ist – weil zunehmend mehr Prediger Gottes Wort kein Vertrauen mehr entgegenbringen. Sehr treffend bezeichnet Parzany auf S. 49 die Bibelkritik als „Krebsschaden der Kirche“. Er zeichnet die Geschichte der Bibelkritik in wenigen Absätzen nach, und zeigt auf, wie diese die heutige evangelische Kirche nicht nur unterwandert hat, sondern geradezu beherrscht.

An der Stelle möchte ich einen Kritikpunkt am Buch anbringen. Parzany beschreibt sehr vieles korrekt – und doch hat man zuweilen das Gefühl, das Buch sei zu schnell geschrieben worden. Das Unterkapitel ist wunderschön mit „Bibelkritik – der Krebsschaden der Kirche“ überschrieben, doch dann geht der Autor nicht weiter auf dieses treffende Bild ein. Er überlässt es dem Leser, diesen Zusammenhang zu erkennen. So gibt es immer wieder korrekte, aber im Buch nicht ausreichend erklärte, Schlagworte, die es leider seinen Gegnern leicht machen, ihn als polemisch und unbegründet zu diskreditieren. Auch hätte ich mir das vorliegende Kapitel mit der Geschichte der Bibelkritik etwas ausführlicher gewünscht, da es manche – für Kenner der Geschichte natürlich selbstverständliche – Gedankensprünge enthält, die für manche Leser einfach besser begründet werden sollten.

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden noch mehr Kontroversen angesprochen – wie etwa jene um den interreligiösen Dialog, den stellvertretenden Sühnetod Jesu, die „Ehe für Alle“ und die Taufpraxis. Bei all diesen Themen fasst sich Parzany sehr kurz – vermutlich zu kurz, um jemanden überzeugen zu können, der anderer Meinung ist. Vielleicht ist dies beim vorliegenden Buch aber auch nicht so wichtig.

Das dritte und vierte Kapitel finde ich superspannend. Hier beschreibt der Autor, warum er trotz allem immer noch in der evangelischen Kirche ist. Er versucht, ein „Baugerüst“ zusammen zu stellen, auf das kommende Generationen wieder Gottes Kirche bauen können. Man muss es erst mal selber lesen, denn Parzany ist ein Mann, der keineswegs pessimistisch ist, vielmehr ist er voller Hoffnung für die Zukunft. Und deshalb muss ich zum Schluss noch ein Wort an die zahlreichen Spötter und Kritiker richten, die ihm vorwerfen, die Kirche spalten zu wollen. Nicht Parzany ist es, der die Kirche spaltet, sondern Bibelkritiker spalten die weltweite christliche Kirche, indem sie die Grundlage des Glaubens, nämlich die Bibel als Gottes Wort, verlassen und sich eigene Bibeln basteln. Der Glaube an Jesus Christus, den wir nur aus der Bibel in ihrer Ganzheit haben können, ist es, was alle Christen aller Zeiten und Kulturen miteinander verbindet. Deshalb wünsche ich jedem Gemeindebund einen Ulrich Parzany, der hoffnungsvoll und mit großer Klarheit zu einer neuen Reformation ruft – zu einer Rückkehr zum Jesus Christus der Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist.

Ich gebe dem Buch 4 von 5 Sternen / Punkten


Zusammenfassung: Es ist ein lesenswertes Buch, das sehr viele gute Kritikpunkte enthält und zugleich Mut für eine erneute Reformation macht. Es hätte aber ruhig in manchen Abschnitten ausführlicher und exakter begründet geschrieben werden dürfen. 

Donnerstag, 10. August 2017

Neun Fragen an Herrn Böcking

Foto: Christian Langbehn
Nachdem ich vor einer Weile das Buch „Ein bisschen Glauben gibt es nicht“ von Daniel Böcking gelesen und rezensiert. Nun habe ich Herrn Böcking neun Fragen gestellt, die nach dem Lesen des Buches noch offen geblieben sind, zum Buch, dem Glauben, seinem Beruf und mehr.


  1. Herr Böcking, Sie berichten in Ihrem Buch, dass die Suche nach einer Gemeinde zunächst von einem Church-Hopping geprägt war. Wie sieht das jetzt aus? Haben Sie da eine feste „Heimat“ gefunden?

Ich bin mir oft nicht ganz sicher, was mit der „Gemeinde“ als Heimat gemeint ist. Ich habe eine Gemeinde gefunden, zu der ich sehr gerne sonntags in den Gottesdienst gehe. Das ist das „Berlin Projekt“. Es gibt aber auch viele Sonntage, an denen ich stattdessen etwas Anderes mit meiner Familie unternehme - zum Beispiel, wenn die Kinder unbedingt schwimmen gehen wollen. Dieses „Gemeinde-Ritual“ ist mir also bis heute nicht so vertraut. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich eine wundervolle Gemeinde im Sinne von „Gemeinschaft mit anderen Christen“ erleben darf, dass ich eine Heimat bei Jesus und im Glauben und im Austausch mit Christen habe. Diese „Gemeinde“ treffe ich mal im Job, mal in Einzelgesprächen, bei gemeinsamen Frühstücken oder sogar online bei Facebook. Es sind also viele unterschiedliche Christen, mit denen ich großartigen Austausch habe. Aber nicht die eine Gemeinde im klassischen Sinne.

  1. Wie würden Sie die Bedeutung der Gemeinde beschreiben? Was macht die Gemeinde so besonders oder wertvoll?

Ich glaube, dass die Gemeinschaft mit Christen ungeheuer wichtig ist. Schon allein deshalb, weil ich immer wahnsinnig viele Fragen habe. Selbstverständlich auch, weil es nicht immer schnurstracks auf dem Weg läuft, weil man Ermutigung braucht – und weil ich es ganz, ganz toll finde, wenn mich zum Beispiel jemand fragt, ob er für mich beten darf. In meinem persönlichen Fall wäre ich nie umgekehrt, hätte es nicht andere Christen gegeben, die mich begleitet haben. Wenn Sie aber danach fragen, ob es DIE EINE Gemeinde geben muss, in der ich mich zuhause fühle: So ist es mir bislang nicht ergangen.

  1. Wie wird das umgekrempelte Leben von Ihrem Umfeld (Familie, Freunde, Beruf) inzwischen gesehen? Stoßen Sie da noch auf Ablehnung? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ich würde gerne von heroischen Gottesbekenntnissen allen Widerständen zum Trotz berichten. Aber so ist es nicht. Meine Erfahrung ist: Wir Christen halten uns manchmal für sonderbarer, als wir gesehen werden. Ich habe kaum Ablehnung erlebt. Klar, nicht jeder teilt meine Jesus-Begeisterung. Aber eben erst habe ich mit einem älteren Herrn aus Berlin telefoniert und wir sprachen zufällig über den Glauben. Ich erzählte ihm, wie gern ich bete. Und er sagte ganz gelassen: „Wissense, dat muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Spott oder sogar harte Ablehnung habe ich kaum erfahren. Im Gegenteil: sehr viel Unterstützung. Auch von Nicht-Gläubigen, die aber honorierten, dass jemand zu seinem Glauben und zu seinen Werten steht.
  1. Welche praktischen Auswirkungen hat der Glaube auf Ihre beruflichen Tätigkeiten? Gibt es da etwas, was sich geändert hat? Neue Themen? Andere Schwerpunkte? Verzicht auf bestimmte Themen?

Bevor ich öffentlich über den Glauben geschrieben habe, habe ich mir selbst diese Frage nie gestellt, da ich mich sowohl beruflich als auch persönlich als Christ rundum wohl bei BILD fühle. Ich arbeite gerne hier und weiß, wie professionell wir alle uns mit Themen auseinandersetzen und wie schwer wir uns auch oft mit Entscheidungen tun.
Mir ist bewusst, dass man unsere Arbeit kritisiert und auch kritisieren soll und kann. Schließlich sind auch wir keine Kinder von Traurigkeit. Aber bei manchen Vorwürfen mir gegenüber habe ich das Gefühl, dass jemand BILD einfach persönlich ablehnt – was sein gutes Recht ist - und das mit Glaubensargumenten vermischt. Ich habe viele Diskussionen darüber geführt. Am Ende ist stets die innere Gewissheit geblieben, dass es sehr gut und richtig für mich ist, bei BILD zu sein und dass es wunderbar ist, an einem Ort zu arbeiten, der solche Diskussionen zulässt und mir die Freiheit schenkt, auch öffentlich darüber zu sprechen. Ein Sprichwort, das ich sehr mag, sagt: „Wo Gott dich hingesät hat, da sollst du blühen.“

  1. Sie sind ja täglich mit den Online-Medien beschäftigt. Was würden Sie der jungen Generation, die jetzt damit aufwächst, mitgeben, wie ein gesunder, sinnvoller Umgang damit (auch gerade vom christlichen Standpunkt aus gesehen) aussehen könnte?

Mir gefiel stets der Ratschlag: Zeig/schreib/poste nur das, was auch deine Mutter und dein Chef oder Lehrer sehen kann. Mein Ratschlag wäre eher für die ältere Generation: Seht euch das genau an – auch digital gibt es lebendige Christengemeinschaft. Mir begegnen inzwischen immer häufiger Christen zum Beispiel auf Facebook, die ihren ganz privaten ‚Gottesdienst’ von ihrem Sofa live ins Internet übertragen. Da gucken dann mal 50, mal 100 andere zu und kommentieren. Das wirkt erstmal etwas schräg – aber mich freut es jedes Mal, weil es zeigt, wie groß die Möglichkeiten im Netz sind. Anderes Beispiel: Ich habe diverse Gemeinde-Podcasts abonniert und höre mir deren Predigten beim Joggen an. Ist doch wundervoll, wie leicht es ist, geistlich aufzutanken dank der Digitalisierung.

  1. Was wäre Ihre Empfehlung an junge Menschen, die selbst im Journalismus arbeiten wollen, welche Gewohnheiten machen einen guten Journalisten aus, und wie können diese geübt werden?

Neugier ist da natürlich eine der wichtigsten Tugenden. Ansonsten gibt es kaum noch einen klassischen Weg in den Journalismus. Früher war es: Freie Mitarbeit, Volontariat, evtl vorher noch ein Studium. Heute gibt es so viele unterschiedliche Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, dass jemand, der wunderschöne Grafiken auf Facebook postet, von uns vielleicht mit Kusshand genommen wird – auch wenn er vorher noch nie journalistisch gearbeitet hat. Das können wir ihm ja noch beibringen. Das ist eine der großen Veränderungen: ALLE Disziplinen im digitalen Journalismus kann man kaum noch beherrschen. Deswegen ist es total sinnvoll, viel auszuprobieren – und sich dann zu spezialisieren.

  1. Wo sehen Sie in Ihrem persönlichen Leben gerade Punkte, an denen Sie am Lernen sind oder neue Schritte gehen?

Ich lerne von morgens bis abends dazu. Das ist mir wichtig zu betonen: Ich weiß, dass ich ein Buch schreiben durfte und Interviews geben darf, weil die Mischung aus „Christ“ und meinem Job offenbar ganz interessant ist. Nicht, weil ich besonderes Wissen oder irgendwelche neuen Erkenntnisse hätte. Deshalb ist es mein voller Ernst, wenn ich sage, dass ich in Dauer-Lern-Schleife bin. Ich entdecke jeden Tag etwas Neues. Ich muss lernen, dass die Jesus-Begeisterung auch mal abflaut. Dass ich mich auch mal anstrengen muss, damit die Beziehung zu ihm so wach und lebendig bleibt. Aktuell frage ich mich oft, wie denn sein Masterplan für mich aussieht. Dann komm ich ins Grübeln. Neulich stolperte ich in so einem Moment wieder über einen meiner Lieblingsverse: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. So wird euch das alles zufallen.“ Das hat mich dann wieder ruhig gestimmt und mir einen Fokus gegeben.
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  1. Sie berichten von der Flüchtlingsarbeit in Berlin. Wie sieht die Lage derzeit aus? Wo gibt es noch Handlungsbedarf, falls ein Leser sich da auch noch beteiligen möchte?

Wenn jemand helfen möchte, dann sollte er sich am besten zum Beispiel an die Caritas wenden und eine ehrenamtliche Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernehmen. Da wird händeringend gesucht. Vermutlich gibt es noch viele Möglichkeiten zu helfen. Aber hier weiß ich, dass der Bedarf groß ist und den Geflüchteten wirklich etwas bringt.

  1. Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen, was möglichst jeder hören und lesen soll?

Ich habe eh schon viel zu lang geantwortet. Ich hoffe einfach, dass noch viele Menschen dieselbe Entdeckung machen, die ich machen durfte: Wie wundervoll, vernünftig, einladend, rettend und begeisternd der Glaube an Jesus Christus ist. Viel zu oft verbinden Menschen mit dem Glauben etwas Hartes, Unsympathisches. Ich habe ihn als genau das Gegenteil kennengelernt. Als Liebe pur.

Vielen Dank für die Antworten!

Mittwoch, 2. August 2017

Zum Reformationsjahr #1: Was machen wir mit Martin Luther?

Von der Lutherphobie bis zur Lutherphilie finden sich in der medialen Welt viele Extreme, wie mit dem Leben und Werk Martin Luthers umgegangen wird. Besonders das Reformationsjahr und die ganze Lutherdekade bietet viel Stoff und viel Gelegenheit, um den Reformator für alle möglichen und unmöglichen Zwecke zu vereinnahmen. Es ließe sich bestimmt eine ganze Menge grüner Energie produzieren durch die Drehbewegung, die Luther machen müsste, wenn er sich noch im Grabe befände, ob all des Unsinns, der heutzutage über ihn oder in seinem Namen verbreitet wird. Aber wie kann man objektiv und unaufgeregt mit dem umgehen, was Luther gesagt und geschrieben hat?

1. Context is King!
Wenn man Luthers Werk ansieht, wird man von der Menge schier erschlagen. Die größte Gesamtausgabe seiner Werke umfasst 127 Bände, die sogenannte Weimarer Ausgabe. Ebenso viele Jahre hat die Fertigstellung dieser umfassenden Ausgabe in Anspruch genommen. Sein Leben war von vielen Kontroversen geprägt, wodurch er sich nach allen Seiten hin gegen eine fälschliche Vereinnahmung wehren musste. Gegen die Papisten Roms, die ihn zurück in den Mutterschoß der Kirche führen wollten, gegen den Humanisten Erasmus von Rotterdam, gegen die Vertreter der Bauernaufstände, die mit der christlichen Freiheit argumentierten, um ihr gewalttätiges Treiben gegen die Grundbesitzer zu rechtfertigen, gegen die sogenannten „Schwärmer“, die schon eine Art frühe Vertreter der Bibelkritiker waren, oder auch gegen andere Reformatoren wie Huldrych Zwingli, dessen Verständnis vom Abendmahl Luther zu symbolisch war. Hier wird jeder irgendwo Sätze finden, denen er – aus dem Kontext gerissen – zustimmen kann. Deshalb ist es enorm wichtig, immer genau darauf zu achten, wann, an wen und unter welchen Umständen was geschrieben wurde. Es ist deshalb auch schwierig, Luther späte Veränderungen seines Charakters oder seiner Ansichten unterzuschieben. Wer sich etwa mit der frühen Römerbrief-Vorlesung von 1515 – 1516 befasst, wird erstaunt, wie sehr Luther dann schon Reformator ist.

2. Semper reformanda!
Einer der Grundsätze der Reformation ist, dass die Kirche oder Gemeinde ständig erneut reformiert werden muss. Dabei bedeutet „reformieren“ immer: Zurückbringen zur Bibel als Gottes Wort! Zurück zu den Quellen! Dass alle menschlichen Aussagen und Bekenntnisse Stückwerk sind und deshalb auch immer neu an der Schrift gemessen werden müssen, ist dem Reformator nur allzu sehr klar. Doch er weiß: Der Mensch braucht zwingend den festen Boden der Heiligen Schrift, der ganzen Bibel, weil er sonst dazu verdammt ist, sich selbst und den jeweiligen Zeitgeist zum Prüfstein zu machen. Wie das herauskommt, zeigt die Geschichte des 3. Reiches mit den „Deutschen Christen“ nur allzu gut. Davor schützt einzig und allein das Ernstnehmen der Offenbarung Gottes in der gesamten Bibel. Diese muss nicht herausgearbeitet werden, sondern ist in jedem Buch, jedem Satz, jedem Wort und jedem Buchstaben der Bibel zu finden. Wir müssen deshalb keineswegs in allem mit Martin Luther einverstanden sein. Die Frage ist einzig: Was sagt Gottes Wort, die Bibel, dazu? Luther würde selbst auch gar nicht wollen, dass wir seine Worte zur „norma normans“ machen, also zum Maßstab, um daran die Wahrheit zu messen. Er sagt nur: In allem, worin Ihr mich überzeugen wollt, gilt allein die Heilige Schrift, und diese, indem sie sich selbst auslegt.

3. Dankbarkeit!
Nicht zuletzt dürfen wir einfach dankbar sein. Dankbar für Martin Luther, der standhaft blieb und sich von Gott gebrauchen ließ. Mit allen Ecken und Kanten. Mit allem, was er in seinem Leben erlebt und erreicht hat. Und ich möchte auch hinzufügen: Dankbar, dass er nicht perfekt war. Denn das macht Hoffnung. Es macht Hoffnung, dass Gott auch weitere unperfekte Gefäße gebrauchen kann und will. Es macht Hoffnung, dass wir nicht erst ewig warten müssen, bis ein zweiter Martin Luther geboren wird. Egal wie dunkel die Zeit erscheinen mag, Gott hat Menschen vorbereitet, die Seine Botschaft treu weitergeben. Unter allen Umständen und zu jedem Preis.


Mittwoch, 26. Juli 2017

Warum ich die klassischen „alten“ Romane genieße

Gerade lese ich unter anderem den Roman „Middlemarch“ von George Eliot. Auch einzelne Romane der Geschwister Bronte („Sturmhöhe“ von Emily und „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte) oder manche Romane von Jane Austen, oder von den russischen Schriftstellern Dostojewski und Tolstoi haben meine vergangenen Lesemonate bereichert. Heute möchte ich meine wichtigsten Gründe aufzählen, weshalb ich diese Romane ganz besonders genieße – im Vergleich zu den meisten zeitgenössischen Romanautoren.

1. weil es ganz einfach Klassiker sind.
Ein Buch wird nicht einfach ohne Grund zu einem Klassiker. Klassiker – auch wenn über deren genaue Definition gestritten wird – sind Bücher, welche über Generationen und verschiedene Kulturen hinweg Bestseller sind. Klassiker haben den Test der Zeit bestanden und sind daher zeitlos, obgleich sie natürlich einer Zeit und Kultur entstammen. Die Zeit ist ein guter Richter über Bücher: Nur das Beste vom Besten behält den Platz unter den Bestsellern, während viel Neues das weniger Gute verdrängt und seinerseits wieder dem Test der Zeit unterworfen werden.

2. weil sie wie Zeitreisen sind.
Gut, das könnte man von jedem älteren Buch sagen. Aber da ich nicht die Zeit habe, um jedes davon zu lesen, beschränke ich mich gerne vorerst mal auf die Besten der Besten aller Zeiten. Beim Lesen der Klassiker fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt und lerne über meinen beschränkten Horizont des 21. Jahrhunderts hinauszuschauen. Ich lerne typische Charaktere, Gewohnheiten, Einschränkungen und Vorteile anderer Zeitalter kennen. Mit den Klassikern brauche ich zumindest für die Vergangenheit keine Zeitmaschine.

3. weil Helden und Tugenden statt Opfermentalität zählen.
Unsere Zeit hat Angst vor Helden mit eisernen Grundsätzen und kompromisslosem Handeln. Deshalb ist die Literatur unserer Zeit voll langweiliger Antihelden geworden, die letztendlich mit ihrer Opfermentalität punkten wollen. Nicht die Tugend zählt mehr, nicht der Charakter, sondern die Geschichte, die den Einzelnen zum Opfer macht. Da sind mir die älteren Klassiker viel sympathischer und auch für das heutige Leben viel lehrreicher und positiver.

4. weil sie unterschwellig oft voll von bissigem Sarkasmus und Satire sind.
Heutige Satire ist meist so offensichtlich und klar erkennbar; in den Klassikern muss man erst danach suchen und wird dafür dann umso mehr belohnt. Jane Austen etwa ist eine Meisterin den unterschwelligen Sarkasmus und einer satirischen Schreibweise. Im wohl bekanntesten Roman „Stolz und Vorurteil“ wird die damalige Erwartung, welche die Gesellschaft an Frauen und deren Haltung zur Ehe hatte, aufs Korn genommen. Jede Frau, so erwartete es die Gesellschaft, will nur möglichst reich heiraten, um finanziell abgesichert zu sein. Für Männer hingegen zähle einzig der Schein, wie sie von der Umwelt wahrgenommen werden.

5. weil sie oft enorm bibelgetränkt sind.
Mich hat schon oft erstaunt, wie viel von der Bibel und vom Glauben in diesen Klassikern vorkommt – und nicht mal unbedingt immer so positiv, aber wirklich häufig. Manche arbeiten sich am Glauben ihrer Zeit ab, wie etwa bei George Eliot, andere wie Dostojewski hingegen sehr positiv. Austen hatte ein gemischtes Gefühl dem Glauben gegenüber, was sich auch in ihren Romanen niederschlug. Aber alle entstammen Zeiten, Orten, Kulturen und Gesellschaftsschichten, die vom christlichen Glauben geprägt sind, und das merkt man.


Samstag, 22. Juli 2017

Das habe ich nur als Mutter gemeint!

Ein kurzes Gespräch im Roman „Middlemarch“ von George Eliot beschreibt ein typisches Phänomen, das wir auch heute oft beobachten können. Es geht um Dr. Lydgate, den frisch zugezogenen, in dem Sinne fremden, Arzt, der laut Gerüchten kurz davor stehen soll, die Rosamonde zu heiraten (was sich später dann auch bewahrheitet). Hier ein Auszug aus der brodelnden Gerüchteküche:

Not but what I am truly thankful for Ned’s sake,” said Mrs. Plymdale. “He could certainly better afford to keep such a wife than some people can; but I should wish him to look elsewhere. Still a mother has anxieties, and some young men would take to a bad life in consequence. Besides, if I was obliged to speak, I should say I was not fond of strangers coming into a town.” “I don’t know, Selina,” said Mrs. Bulstrode, with a little emphasis in her turn. “Mr. Bulstrode was a stranger here at one time. Abraham and Moses were strangers in the land, and we are told to entertain strangers. And especially,” she added, after a slight pause, “when they are unexceptionable.” “I was not speaking in a religious sense, Harriet. I spoke as a mother.” (Kindle-Position 5267 – 5271)

Auch heute findet man oft, dass zwischen dem, was dem christlichen Glauben entspricht und dem, was Menschen diesen Bekenntnisses tatsächlich tun, eine tiefe Kluft. So, als wollte man sagen: Das habe ich nicht im Sinne des Glaubens gemeint, das habe ich nur als Weltmensch gemeint!


Samstag, 15. Juli 2017

Buchtipp: Die Honigfabrik

Tautz, Jürgen, Steen, Diedrich, Die Honigfabrik, Gütersloher Verlagshaus, 2017, Amazon-Link, Verlagslink

Vielen Dank an das Gütersloher Verlagshaus für das Rezensionsexemplar des Buches. Jürgen Tautz ist seit vielen Jahren ein bekannter Forscher und Autor über die Honigbiene und die Imkerei. Spätestens seit dem Buch „Phänomen Honigbiene“ wird er von vielen Lesern geschätzt. Da mich die Biene schon seit Langem sehr interessiert, und ich zudem gerne Honig esse, war ich auf das neue Buch von ihm gespannt.

Die Gestaltung des Buches lässt das Herz eines echten Bücherfreundes höher schlagen: Ein originell gestalteter Schutzumschlag, dazu ein farblich abgestimmtes Lesebändchen, das ein Buchzeichen überflüssig macht, stabiles Papier, eine gut lesbare Schrift in einer angenehmen Größe, immer wieder Schwarz-Weiß-Grafiken im Text, und das Ganze mit einer kleinen aber feinen Sammlung von wichtigen Farbbildern am Schluss abgerundet.

Die Wunderwelt der Bienen – eine Betriebsbesichtigung“, so lautet der Untertitel des Buches. Es ist ein Rundgang in mehrfacher Hinsicht: Ein Rundgang durch die Honigfabrik, ein Rundgang durch das Bienenjahr, und nicht zuletzt auch ein Rundgang durch die bisherige Forschung, die dieses spannende Lebewesen „die Biene“, aber auch den „Superorganismus Bien“, also das Bienenvolk als Ganzes, betrifft. So liest man – immer wieder sehr humorvoll und leicht lesbar – etwa vom „Rudelkuscheln in der Kiste“, „Callboys für die Königin“ oder „Zickenterror mit Todesfolge“.

Bienen lassen sich relativ leicht auf bestimmte Muster „trainieren“, d.h. sie werden hinter einem Muster mit Zuckerwasser belohnt, während sie hinter dem anderen Muster leer ausgehen. Höchst spannend ist ein Versuch, bei welchem Bienen zwischen einem Bild von Monet und einem von Picasso unterscheiden lernen mussten. Beim Austausch von Bildern durch andere derselben Maler und derselben Kunstrichtungen hat eine Mehrzahl von Bienen die Struktur hinter den Bildern schnell erkannt (vgl. S. 122f).

Bienen sind gleichzeitig zwei Arten von Organismen: Jede Biene funktioniert für sich selbst und kann selbständig eine Menge Aufgaben erledigen, und doch kann jede nur in der Gesamtheit ihres Volkes überleben. Bienen müssen einander wärmen, sobald es kälter wird. Tautz schreibt: „Bienen sind besonders kälteempfindliche Insekten. Eine einzelne Biene wird bei einer Temperatur von etwa plus 10 Grad Celsius bewegungsunfähig und stirbt bei etwa plus 4 Grad Celsius. Hängt man allerdings eine ganze Bienenkolonie in eine Kühlkammer, geht es dem Volk bis zu Temperaturen von minus 40 Grad Celsius und darunter sehr gut.“ (S. 42)

Für mich als Theologen ergeben sich daraus natürlich zwangsläufig Analogien zur Gemeinde, in welcher es zwar nicht ums „Rudelkuscheln“ wie im Bienenvolk geht, aber doch jeder Einzelne für den „Superorganismus Gemeinde“ und für die Gesundheit der Lehre jedes einzelnen anderen mitverantwortlich ist. Wo diese Verantwortlichkeit nicht gelebt wird, kommt es immer wieder zur faulbrutartigen Verbreitung von Irrlehren und anderen schweren Irrtümern, an welchen auch häufig ganze Gemeinden zugrunde gehen. Wo die Nähe zu einer gesunden, „wärmespendenden“ Gemeinde fehlt, erkaltet auch sehr schnell das gesamte Fundament des Glaubens.

Für wen eignet sich das Buch? Bei dieser Frage, so empfinde ich es zumindest, kommt eine kleine Schwäche des Buches zum Vorschein. Es ist ein Buch (frei nach F. Nietzsche) „für alle und niemand“, allerdings im umgekehrten Sinne als es Nietzsche dazumal verstanden haben wollte. Die Honigfabrik ist für jeden verständlich, doch fällt mir keine Lesergruppe ein, von der ich sagen kann: Die muss es gelesen haben, für diese ist es ein „Must-Read“. Es eignet sich für alle, die gerne mehr über die Bienen erfahren. Ein Imker wird relativ wenig wirklich Neues erfahren (für mich als interessierter Laie und Nichtimker war die Sache mit Monet und Picasso so ziemlich das Einzige, was ich tatsächlich noch nicht wusste). Es eignet sich aber für jeden Imker, der sein Wissen um den Bien gerne von einer neuen, humorvollen und auf den Punkt gebrachten Sichtweise und in verständliche Sprache gekleidete Art und Weise betrachten möchte. Es lohnt sich auch für den Imker, dieses Buch seinen Kunden weiterzuempfehlen, welche sich für den Honig und die Bienen interessieren. Und nicht zuletzt möchte ich es jedem ans Herz legen, der gerne über die wunderbare Schöpfung Gottes staunt. Wir können von den Bienen sehr viel lernen und die Autoren haben ein Werk vorgelegt, in welchem für alle Leser verständlich ein äußerst spannender Bereich dieser Schöpfung vermittelt wird. Zwei Dinge hat das Buch besonders in mir ausgelöst: Nun habe ich Tautzens Buch „Phänomen Honigbiene“ endgültig auf meine „To-Read“-Liste gesetzt, und zudem eine Vorfreude für die nächste Gelegenheit bei befreundeten Imkern mal wieder mitzuhelfen bekommen.

Ich gebe dem Buch 5 von 5 möglichen Sternen.


Sonntag, 9. Juli 2017

Gepredigt: Christsein im säkularen Zeitalter

Ausgehend von Esther 4, 12 - 17 habe ich einige Parallelen zu unserer Zeit gezogen und komme zu einigen Anmerkungen für unsere Zeit: 

"Wenn unsere Zeit immer säkularer wird, müssen wir uns fragen: Was können wir von Esther lernen, um in dieser Zeit zu leben? Es ist eine Zeit, in welcher christliche oder biblische Werte immer weniger eine Rolle spielen. Das war zur Zeit Esthers nicht anders. Das Gefühl von König Xerxes, seine momentane Befindlichkeit, gab den Ton an. Esther reagierte darauf nicht mit dem Ruf nach christlichen Werten. Sie reagierte mit dem Verstand, indem sie dem König darlegte, wie es um ihr Volk stand. Sie ging auf den König ein.
Unser Problem ist, dass wir uns auf den christlichen Werten ausgeruht haben, während das Fundament der christlichen Werte, die Bibel, immer weiter ins Abseits gerutscht ist. Wir sind alle davon überzeugt, dass die christlichen Werte ein Segen für alle Menschen sind, keine Frage. Aber wir haben uns auf dem ausgeruht was frühere Generationen für uns getan haben, indem sie die biblischen Werte im Grundgesetz verankert haben, und haben es versäumt, den nächsten Generationen klarzumachen, warum diese biblischen Werte für alle ein Segen sind. Wir haben das für selbstverständlich gehalten und nicht vernünftig begründet – und jetzt regen wir uns darüber auf, dass sich eine Mehrheit findet, die dem widerspricht und andere Werte haben möchte. Wir regen uns auf, dass sich Menschen von den biblischen Werten diskriminiert fühlen, während viele aus unseren christlichen Reihen tatsächlich andere Menschen diskriminiert, beleidigt, ausgegrenzt haben. Es ist an der Zeit, dass wir darüber Buße tun und Gott um Hilfe bitten, diese Menschen erreichen zu können, ihre Herzen erreichen zu können, sie persönlich annehmen und verstehen und lieben zu lernen, ohne mit der Wahrheit Kompromisse einzugehen.
Es ist an der Zeit, dass wir lernen, die biblischen Werte als Segen für alle Menschen zu begründen, bevor wir diese Werte einfach einfordern mit einem „so ist es halt, Gott hat das so gesagt, aus und fertig, und amen dazu“.
Es ist auch Zeit, dass wir lernen, dass Gott uns genau in diese Zeit hinein gestellt hat, damit wir zum Segen für diese Menschen werden können, die Ihn brauchen, die sich nach Gottes Liebe sehnen, ohne zu wissen, was ihnen tatsächlich fehlt. Jesus hat mit den Menschen Zeit verbracht, die sich von den übrigen Menschen ausgestoßen, verachtet, alleingelassen fühlten, und ging genau zu ihnen, um sie zu lieben und für sie da zu sein. Er ist für alle Sünder gestorben, die Ihn brauchen, und unter diesen sind wir ebenso zu finden. Der Unterschied ist nur, dass es gerechtfertigte Sünder gibt, nämlich jene, welche Gottes Vergebung annehmen, und andere, welche ihre Last und Schuld selber tragen wollen.
Und es ist auch an der Zeit, dass wir endlich unser Privileg kapieren, das wir mit dem Gebet haben. Ein Mensch ohne Gott kann nur alle vier Jahre Einfluss auf die Politik ausüben, indem er wählen geht. Der Christ darf jeden Tag für die Regierung beten, wie Paulus schreibt: So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen darbringe für alle Menschen, für Könige und alle, die in hoher Stellung sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit; denn dies ist gut und angenehm vor Gott, unserem Retter, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. (1Tim. 2, 1-6)

Esther, Mordechai und die Juden der Stadt Susa fasteten und beteten zusammen, und dann ging Esther hin, und nahm allen Mut zusammen, sie wusste, dass es ihr Leben kosten kann, aber sie ging hin und redete mit dem unberechenbaren König, sie tat Gottes Willen, sie war gehorsam, auch unter Lebensgefahr. Als Christen wissen wir nicht, wie sich unsere Zeit weiter entwickeln wird, wir wissen nur, dass es mit dem Tod nicht zu Ende ist; und wir wissen auch, dass gerade die Todesgefahr für Christen oft zu Zeiten großer Erweckungen geführt hat. Unser Auftrag ist es, Gott zu gehorchen, die Menschen zu lieben, und Tag für Tag unseren Teil zu tun, damit alle Gottes Größe sehen können."

Mittwoch, 5. Juli 2017

Gastbeitrag: Eine kurze Reise nach Mittelerde

Nachdem ich vor einiger Zeit einige Freunde angefragt hatte, ob sie mir ein paar Fragen zum „Herr der Ringe“ beantworten würden, hat Hanniel dazu frei einen Text formuliert. Vielen Dank für den Gastbeitrag, Hanniel!

Eine kurze Reise nach Mittelerde
geschrieben unterwegs

Was soll man zum Klassiker „Herr der Ringe“ noch schreiben? Es gibt wenig, dass nicht gesagt worden wäre. Humphrey Carpenter legte die Biografie (J. R. R. Tolkien: A Biography) vor und editierte sein Briefwerk (The Letters of J. R. R. Tolkien). Lewis- und Tolkien-Forscher Duriez zeichnete u. a. die Geschichte der Freundschaft mit Lewis nach (Tolkien und C. S. Lewis - Das Geschenk der Freundschaft) und verfasste einen kompetenten Führer in die Welt von Mittelerde (A Guide to Middle Earth: Tolkien and The Lord of the Rings). Peter Kreeft handelte systematisch 50 Bereiche der dahinter liegenden Weltanschauung ab (The Philosophy of Tolkien: The Worldview Behind the Lord of the Rings). Louis Markos verfolgte die Spur der Tugendethik (On the Shoulders of Hobbits: The Road to Virtue with Tolkien and Lewis). Womit schon gesagt wäre, dass ich mit Sekundärliteratur gut versorgt auf die Reise nach Mittelerde startete.

Vielleicht könnte ein Blick in die leuchtenden Gesichter meiner Söhne – deren Zahl ist fünf – mehr sagen als alles andere. Dass mein Achtjähriger nach dem „Silmarillion“ (der von Christopher Tolkien definitiv zusammengestellten Sammlung der Geschichten aus dem ersten Zeitalter von Mittelerde) verlangte, erstaunte mich nicht. Für die Lektüre von „Herr der Ringe“ behalfen sie sich mit Hörbuch, bemächtigten sich der beiden roten Ausgaben von „Der Herr der Ringe“ (ich stockte infolge Interesse auf) und nahmen auf die Bahnfahrten ihren E-Reader mit, um dranzubleiben. Fragte ich in die Runde, was sie denn an dieser Welt faszinierte, kamen präzise Antworten in Form von einzelnen Szenen und vor allem Charakterbeschreibungen. Das heisst, sie konnten sich in die einzelnen Figuren und Szenen ein-fühlen, mitleiden und – was wirklich nicht selbstverständlich ist – auch wieder auf Selbstdistanzierung gehen und sagte, was sie bewunderten und was sie erschauern liess.

Ich nehme Sie mit in einige Impressionen meinerseits. Wenn man den Text auf den Begriff „Baum“ durchsucht, dann spuckt die Suchmaschine knapp 500 Stellen heraus. Es handelt sich nicht um endlos wiederholende Naturbeschreibungen im Stile Karl Mays, sondern um ein besorgtes Mit-Atmen mit den grünen Teilen der Erde. Tolkien bedauerte die Industrialisierung und Technisierung, die mit dem Verlust von vielen Grünflächen – u. a. seiner eigenen Jugend – Hand in Hand ging, zutiefst. Bäume haben in Mittelerde ein Eigenleben. Den Baumhirten (Ents) kommt in der Erzählung gar eine Heldenrolle zu. Die Baumszenen fand ich also richtig zum Eintauchen und Durchatmen.

Gehen wir zum Gegenteil des Durchatmens: Zum Bedrückenden. Auch hierin mag Tolkien voll zu überzeugen. Der schwer gehende Atem, die dunklen schweren Wolken, die Enge, die einem ans Herz greift: Die auf die Machenschaften Saurons zurückführenden Ereignisse und Manöver liessen auch mein Herz mit einem leisen Druck belegen. Das Auge, das dich (fast) immer sieht, dein Unheil will, und dessen Späher überall auftauchen, die Reiter schnell, die Schläge, die in der Regel tödlich sind, zeigen auf, was ich als Christ im Kopf schon weiss, mir aber viel zu wenig bewusst bin: Die Realität der unsichtbaren Welt und der Kampf des Fürsten der Finsternis gegen Den, der das Licht geschaffen hat und Menschen zum zweiten Mal neues Licht bringt.

Wie schon „Der Hobbit“ liest sich der Herr der Ringe als Reiseerzählung. Er reiht sich damit in die vielen Klassiker seit Homers „Odysseus“ oder der „Pilgerreise“ von Bunyan ein. Sie entspricht dem Charakter unseres Lebens: Wir leben immer in der Gegenwart und setzen einen Schritt vor den anderen. Gleichzeitig prägen Erinnerungen und Gewohnheiten unseres bisherigen Weges unser Denken und Handeln. Wir blicken auch in die Zukunft und nehmen sie vorweg. Wir hoffen und verzagen gleicherweise. Die Parallelwelt von Mittelerde lässt uns bewusster auf die vertrackte, an manchen Stellen unübersichtliche, von vielen Einzelsträngen durchzogene Lebensreise werfen: Den Start, die ersten Strapazen, unerwartete Lichtblicke, ersehnte Zwischenhalte, in Erinnerung bleibende Feste, Freundschaften und Verrat derselben, Etappen der Krankheit und des Verlustes. Bleibend sind einzelne Begegnungen, die Überraschungen und Enttäuschungen in sich bergen.

Lasst mich hier einhängen – bei den Begegnungen. Tolkien hat, geschickt wie kein Zweiter, mannigfaltige Charakteren eingebaut. Man mag kaum mit einer Person gänzlich mitgehen. Am ehesten vielleicht noch mit Sam, dem treuen Freund. Aragorn heischt Bewunderung. Mit Frodo leiden wir mit. Gandalf taucht zeitig zu Unzeiten auf. Doch keine Figur ist vollkommen. Die Grundspannung zwischen dunklen Kräften und edlem Mut bleibt. Es gibt zahlreiche Tugenden, die uns das Buch so treffend darstellt: Natürlich den hohen Wert der Freundschaft. Alleine kommt letztlich niemand ans Ziel. Tapferkeit ist gefragt, oft auch überraschend für die Person selbst, oder nach Momenten der kompletten Verzagtheit. Uneigennützigkeit kontrastiert mit Begierde und Eigennutz. Das beherzte Zugreifen folgt Strecken der minimalen Versorgung. Körperliche Ausdauer und Widerstandsfähigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung rücken ins Zentrum. Nicht im (post)modernen Sinne, als ob unser Körper das Zentrum der Welt wäre. Doch eine gesunde Körperwahrnehmung und das Spüren der eigenen körperlichen und psychischen Grenzen gehören in eine gesunde Lebensschule. Wie kommt sie zu kurz in unserem Zeitalter der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung!

Etwas hätte ich fast vergessen. Es gibt Schätze, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt. Die einen Schätze muss die Freundestruppe loswerden. Der Ring, vom Feinde heiss begehrt, gehört ins Feuer der Vernichtung. Nicht mehr der Goldschatz der Hobbits, sondern die Rückführung der gefährlichen Begierden ist gefragt. Auffällig ist die Anfälligkeit der Ringträger. Sie widerstehen kaum der drückenden Last, ebenso wenig dem gedanklichen Sog, den der Ring entwickelt. Hohe Opfer, ja der Tod, wird eingefordert und bezahlt. Überhaupt ist dies meinen Söhnen aufgefallen: Der Weg zum Schicksalsberg ist ein Weg der Kämpfe, der Schlachten und der Opfer. Zu meiner Frau meinten sie: „Wenn du das liest, musst du dich auf viele grauenvolle Szenen vorbereiten.“ Damit meinten sie nicht abscheuliche Szenen der zeitgenössischen Bildgebung, die dazu aufgebaut werden, um die Bildsüchtigen in ihren Bann zu ziehen. Vielmehr geht es um heimtückische Überfälle und tapfere Abwehr von Mann zu Mann. Einzelne Helden exponieren sich. Es wird mit Schwert, Lanze und Bogen gekämpft, nicht mit ferngesteuerten Raketen.

Vieles in dieser Welt entspricht einem christlichen Weltbild und steht damit dem Bild unserer Zeit entgegen: Ja, es gibt zwei Mächte, die einander bekämpfen, jedoch nie in einer Gleichwertigkeit bzw. Gleichrangigkeit. Ja, es gibt persönliche Tugenden und ihr Gegenteil: Die Laster. Unser Leben ist eine Reise, die unabänderlich auf ein Ziel angelegt ist. Ohne Hilfe von aussen würden wir es nie erreichen. Freundschaft ist ein teures Gut. Unsere Feinde sind real. Es will wohl überlegt sein, welche Nahrung wir zu uns nehmen. Unsere Kräfte sind begrenzt. Tolkien sprach von einem vor-christlichen Universum. Er, der die Welt der nordischen Mythen wie seine Hosentaschen kannte und seine Sprachen beherrschte, sah ab von einer eintönigen Kopie (wie sein Weggefährte C. S. Lewis übrigens auch).

Die Reise nach Mittelerde prägt mich, weil sie mir einen geschärften Blick auf die von Gott geschaffene Wirklichkeit zur Verfügung stellt. Sie lässt mich in eine neue Art von Dialog mit meinen Söhnen treten. Denn Mittelerde vermittelt Bilder und Bewertungen, die wir gemeinsam teilen können.


Donnerstag, 22. Juni 2017

Mutanfall

Mutanfall

Wenn sich Berge vor Dir türmen
ganze Blöcke und Blockaden,
und Du hörst die wilden Stürme
oder Ängste vor dem Schaden,

Wenn sich Meere weit erstrecken,
tiefe Seen, Ozeane,
und die Weiten Dich erschrecken,
die ich von ferne nur erahne,

Wünsch ich Dir einen Mutanfall,
neue Schritte frisch zu wagen,
von Gottes Segen vollen Schwall,
um nicht weiter zu verzagen.

Wenn sich stauen alte Sorgen,
der gestrige Rucksack lastet schwer,
und Dich lähmt die Angst vorm Morgen,
allen Bammels großes Heer,

Wenn die Zweifel an Dir nagen,
wie die Biber an den Bäumen,
und es bleiben offne Fragen,
zusammen mit geplatzten Träumen,

Wünsch ich Dir einen Mutanfall,
das Alte Jesus hinzugeben,
den großen Rucksack fülle prall,
mit neuem, frischem Leben.


22.06.2017, Jonas Erne

Montag, 12. Juni 2017

Predigtserie zu Lukas 15

Nun habe ich die Predigtserie zu Lukas 15 beendet. Ein kurzer Rückblick auf dieses enorm herausfordernde Kapitel. Viel zu oft betrachten wir es zu verkürzt, weil wir gewohnt sind, dass es vor allem für evangelistische Predigten gebraucht wird.

19. Februar 2017: Verloren und gefunden. (Lukas 15, 1-2, Teil 1)
Die Preisfrage des ganzen Kapitels 15 im Lukasevangelium lautet: Ist meine Freude dieselbe wie Gottes Freude? Es gibt ein Maß, mit dem man die Größe dieser Freude messen kann. Dieses Maß ist die Menge der Schwierigkeiten, die ich auf mich zu nehmen bereit bin, damit wer zum Glauben an Jesus Christus findet. Ganz praktisch zeigt Gott uns das in Jesus Christus: Gott liebt Seinen Sohn, Jesus Christus, aber Gott möchte uns erlösen und gibt dafür alles auf, weil Gottes Freude an der Erlösung von Sündern die größte Freude ist. So groß, dass Gott Vater bereit ist, Seinen Sohn dafür zu opfern. So groß, dass Jesus Christus Sein Leben dafür opfert. So groß, dass der Heilige Geist bereit ist, in so unfertigen und unperfekten Gefäßen Wohnung zu nehmen wie wir es sind. Und jetzt ist Gottes Frage heute morgen an jeden von uns: Ich habe alles getan, damit viele Sünder gerettet werden. Und was bist Du dafür zu tun bereit?

12. März 2017: Das verlorene Schaf. (Lukas 15, 3 – 7, Teil 2)
Viele Menschen meinen, sie seien ihr eigener Maßstab, aber sie merken nicht, dass sie sich dann in Wirklichkeit nur immer anderen Menschen anpassen. Der Mode oder dem Widerstand gegen die Mode. Der eignen Subkultur, den Freunden, den Medien und der Werbung, den neuesten Trends, den Erkenntnissen der neuesten Wissenschaftstheorien, und so weiter. Das Leben vieler Zeitgenossen gleicht heutzutage einer unendlichen Suche nach dem, was Spaß macht, was unterhält, was die innere Langeweile killt, was ihnen einen Sinn gibt, eine Identität. Wie verlorene Schafe auf der Suche nach dem Weg, doch in Wirklichkeit immer weiter vom Weg weg, in die Hügel und zerklüfteten Berge. Und der Herr Jesus ist auf der Suche nach den Menschen. Er ruft sie: Mensch, wo bist du? Und manchmal kommt irgendwoher ein schwaches „Määäh“. Hier bin ich. Rette mich! Hol mich aus dieser Felsspalte raus, wo ich gefangen bin!“

19. März 2017: Das wertvolle Silberstück. (Lukas 15, 8 – 10, Teil 3)
Es ist zu einfach für uns, Menschen, die nicht interessiert sind am Glauben, einfach links liegen zu lassen und uns im Ghetto der wohligen Frömmigkeit zu verschanzen. Aber diese Menschen sind unendlich wertvoll, und deshalb ist der Heilige Geist auf der Suche nach Gläubigen, die sich auf die Suche nach denen machen, die noch fehlen in der weltweiten Gemeinde Jesu.“

2. April 2017: Gottes Herz für Sünder. (Lukas 15, 11 – 19, Teil 4)
Geduld ist gar nicht so einfach und mal so schnell zu bekommen. Es gibt das bekannte Gebet: Herr, schenke mir Geduld, aber bitte sofort! Das ist nicht der richtige Weg. Die Geduld, die Weisheit, ein starker Charakter, und vieles mehr wird erst unterwegs erworben. Indem man durch schwere Zeiten hindurch geht, wo wir zuerst einmal an unsere menschlichen Grenzen kommen. Das Denken, das hinter dem Verhalten des jüngeren Sohnes steckt, ist nicht nur sehr egoistisch. Es ist auch von einem Konsumgeist geleitet: Wenn ich das Geld habe und ausgeben kann, werde ich glücklich sein. Wenn ich nur schon die nächste Staffel meiner Lieblingsserie haben kann, bin ich glücklich. Wir sehen das im nächsten Vers: "Und nicht lange danach packte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste in ein fernes Land, und dort verschleuderte er sein Vermögen mit ausschweifendem Leben." (Lk. 15, 13) Er wollte mit dem Erhalt seines Geldes nicht warten, es musste sofort sein, und er wollte es ausgeben können, um seine innere Leere mit irgend etwas ausfüllen zu können. Den inneren Hunger betäuben und ihm für eine Weile entfliehen. Wie viele Menschen haben heute das Gefühl, ihr reales Leben sei zu langweilig, weshalb sie sich ein unreales digitales Leben aufbauen müssen. Warum ist es langweilig? Weil sie merken, dass ihnen etwas fehlt. Aber sie haben die Hoffnung aufgegeben, dieses Etwas noch finden zu können. Sie müssen sich ständig mit allen möglichen Dingen von dieser Realität ablenken, und versinken irgendwann in der Sucht nach Lärm, Betäubung, Hektik, Ablenkung und Konsum.“

28. Mai 2017: Gott, der verschwenderische Vater. (Lukas 15, 17 – 24, Teil 5)
So ähnlich ergeht es vielen auch, die in ihrer Verzweiflung zu Gott kommen. Sie kennen Ihn vielleicht noch nicht so gut, und denken sich: Ich will einfach nochmal einen Neuanfang machen. Egal wie es wird, es kann mit Gott nur besser werden. Also, Herr, nimm mein Leben und mach daraus, was dir gefällt. Und es ist oft unbeschreiblich schön, was Gott aus einem Haufen zerbrochener Scherben macht, wenn wir sie Ihm überlassen. Das Mosaik wird neu gelegt und sieht einfach absolut genial aus.“

11. Juni 2017: Gottes Herz für Heuchler. (Lukas 15, 25 – 32, Teil 6)
Im Gleichnis von den zwei verlorenen Söhnen haben wir einen Sohn, der keine Ahnung hat, was seinem Vater wichtig ist – aber er weiß nicht einmal, dass er davon keine Ahnung hat, weil er sich einredet, dass er es ganz genau weiß, nämlich dass seinem Vater der ganz genaue Gehorsam allen Befehlen gegenüber das Allerwichtigste ist. Und genau darin täuscht er sich. Er muss zuerst einmal ent-täuscht werden. Wo ist sein eigentliches Problem? Er mag die Gnade nicht. Er mag nur den Verdienst. Und wer keine Gnade mag, ist auf unserer "Sündenlinie" gefangen. Er kann rebellisch oder religiös sündigen. Sichtbar oder in seinem Herzen. Aber ohne Gnade kommt er nicht von dieser Sündenlinie weg. Das ist sein Problem. Da ist er gefangen. Und ohne die freie, göttliche Gnade anzunehmen, bleibt er da. Egal wie viel Mühe er sich gibt, solange er auf der Sündenlinie bleibt, kann er sich sein Leben lang nichts anderes tun als sich noch mehr Zorn Gottes über seine Sünde auf seinem Kopf aufhäufen. Allein die Gnade Gottes macht uns frei von dieser Linie. Gottes unaussprechlich tiefe, freie, wunderbare Gnade. Allein durch den Glauben an Gottes Erlösung, die allein durch Jesus Christus stattgefunden hat. Dieser Glaube gründet sich allein auf das Wissen, das wir durch die Bibel haben. Und all dies geschieht allein zur Ehre Gottes.“